
 

  
Die Städtepartnerschaft Erlangen Wladimir
1998 feierte die Städtepartnerschaft Erlangen - Wladimir ihr 15 jähriges Jubiläum. Sie hat eine lange Vorgeschichte, die mit dem Besuch von Schriftstellern aus der Sowjetunion bei einer Tagung der Europäischen Autorenvereinigung “Die KOGGE” 1978 in Minden begann. Ein Abstecher führte die Schriftsteller auch nach Erlangen.
Die Verbindungen setzten sich fort: Es kam zu Gegeneinladungen, darunter für Dr. Inge MeidingerGeise und Dr. Wolf Peter Schnetz aus Erlangen. Im Juli 1981 reisten sie mit Erlangens Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg, SPD, Erwin Eßl, dem Vorsitzenden der “Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion e.V.” (heute “Bayerische Ostgesellschaft e.V.”) nach Moskau. Vor dem Hintergrund der Entspannungspolitik und den guten Erfahrungen mit der französischen Partnerstadt Rennes, hatte Dr. Hahlweg den Wunsch nach einer deutschsowjetischen Jumilage im Gepäck. Die Idee fiel bei dem “Verband der sowjetischen Gesellschaften für Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland” auf fruchtbaren Boden, und schon zwei Jahre nach den Gesprächen in Moskau war es so weit. Über die sowjetische Botschaft in Bonn kam ein offizielles Schreiben aus Wladimir nach Erlangen. Ermutigt von Prof. Dr. Fairy von Lilienfeld, die die alte Hauptstadt der Rus mit ihren großartigen Sakralbauten und Fresken Andrej Rubljows gut kannte, vereinbarten die bis dahin einander fremden Städte Erlangen und Wladimir eine “Verlobungszeit”, die 1987 mit der Unterzeichnung des bayernweit ersten deutschsowjetischen Partnerschaftsvertrages offiziell bestätigt wurde. Von beiden Seiten waren zunächst erhebliche “Distanzen” zu überwinden. Die wachsenden menschlichen und kulturellen Begegnungen zeigten sich jedoch schon bald stärker als jeder Vorbehalt.
1987 erschien in Erlangen das Bändchen “Birken, Wermut, Malachit. Zu Gast in Moskau und Wladimir”. Zehn Jahre später, 1997, gab die Partnerstadt den Sammelband “Stimmen aus Franken” in russischer Übersetzung heraus. Dazwischen liegt eine Vielzahl von Publikationen Wladimirer und Erlanger Autoren in verschiedenen Periodika hier wie dort. Auf dem Spielplan 1995/1996 des Erlanger Theaters stand das Stück “Scharf” aus der Feder des Wladimirer Autors Lew Protalin (zwei Aufführungen brachte das Erlanger Ensemble mit großem Erfolg in deutscher Sprache in Wladimir auf die Bühne). Mittlerweile sind zwei weitere Stücke Protalins im Dramenlexikon des Deutschen Theatermuseums in Erlanger Übersetzung vertreten. Ein weiteres Wladimirer Stück, “Schluckauf” von Anatolij Gawrilow, erlebte Ende Januar/Anfang Februar 2000 seine deutsche Uraufführung auf zwei Erlanger Bühnen in der Inszenierung des freien Ensembles “Brücken e.V.”.
Schließlich erschien zum 15jährigen Jubiläum in einem Wladimirer Verlag “Träume von Rubljow”, eine Anthologie, die vierzig Wladimirer Autoren aus Lyrik, Prosa und Publizistik in deutscher Übersetzung vereint. 1998 illustrierten Wladimirer Schüler der Jugendkunstschule die ins Russische übersetzten Märchen von Margrit VollertsenDiewerge, 1999 folgte der Band “Gereimte Kommentare zu ungereimten Dingen”, von Fritz Wittmann, Baiersdorf, in Wladimir ediert, und im Frühjahr 2000 wurde “Sommer in Winterstein” von Wolf Peter Schnetz in der Übertragung von Julia Alexandrowa der öffentlichkeit vorgestellt. Für Ende Mai ist die Präsentation des Gedichtbandes “Zeichnungen” von Tatjana Oserowa in einer zweisprachigen Fassung geplant. Und die “Kogge” ist längst um den Wladimirer Stadtrat, Universitätsprofessor, Literaten und Publizisten Percy Gurwitz reicher, dessen Publikationen hier aufzuzählen, den Rahmen sprengen würde.
Bürgerpartnerschaft: Die Befürchtungen, man werde über gelegentliche Funktionärsreisen hin und herüber nicht hinauskommen, wurden schon bald angesichts einer ungeahnt lebendigen Bürgerpartnerschaft gegenstandslos. Entscheidend zu deren Gelingen haben beigetragen: die Volkshochschule, der Stadtjugendring und ganz besonders der Stadtverband der Erlanger Kulturvereine, die nicht nur Reisen organisierten, sondern auch ein immer enger werdendes Netz von persönlichen und informellen Beziehungen zwischen den Städten knüpften. Parallel dazu entwickelten sich institutionelle Bande. So hat die VHS z.B. einen “Arbeitskreis Wladimir” eingerichtet, der seit 17 Jahren allmonatlich Gelegenheit zum Gespräch mit Referenten aus der Partnerstadt bietet. Mit der Pädagogischen Universität Wladimir pflegt die VHS einen vertraglich festgelegten Dozentenaustausch und betreut gemeinsam mit dem GoetheInstitut in Moskau die DeutschKurse am ErlangenHaus.
Der Stadtjugendring organisiert von Beginn an, zunächst unter seinem damaligen Geschäftsführer Gabriel Lisiecki, später mit Regine Lakkamp an der Spitze, Jahr für Jahr Austauschprogramme für Jugendliche und Jugendleiter. Um die deutschrussische Jugendcamps kümmert sich erfolgreich Rolf Bernard von der katholischen Jugend.
Der Stadtverband der Erlanger Kulturvereine unter Federführung ihres Vorsitzenden Herbert Hummich und seiner Vorgänger im Amt Dr. Hans Berhard Nordhoff und Karl Heinz Lindner veranstaltet gemeinsame Bürgerfeste, Reisen in die Partnerstadt und zahllose Konzerte mit Wladimirer Chören und Folkloregruppen.
Nicht minder wichtig für die Bürgerkontakte ist die Arbeit des Stadtverband der Erlanger Sportvereine mit Stadtrat Robert Thaler, SPD, und der Geschäftsführerin Karin Göbeler an der Spitze, der übrigens auch Pate steht für einen ähnlichen Dachverband in Wladimir.
Wie lebendig die Bürgerpartnerschaft mittlerweile ist, läßt sich u. a. an den elf Ehen (incl. einer Scheidung) und vier Kindern zwischen Erlangen und Wladimir ablesen. Indikator hierfür ist auch die große Zahl von Wladimirer AuPairs in Erlanger Familien.
Kultur: Von den ersten Jahren an haben Kulturgruppen, beginnend mit dem Kammerchor von Prof. Eduard Markin bis hin zum Jugendsymphonieorchester unter Alexander Tichonow, aus allen Bereichen die Partnerschaft belebt und befruchtet. Die kulturellen und sportlichen Kontakte bilden auch den Humus für die Weiterentwicklung der Verbindungen. Besonders erwähnt werden soll die Bedeutung gemeinsamer Auftritte und Partnerschaftskonzerte von Chören und Orchestern in beiden Städten (von Klassik bis Jazz und Rock), Workshops für Bildhauer, Kunst und Photoausstellungen – wichtige Partner sind hier der Erlanger Kunstverein und die Erlanger Photoamateure sowie gemeinsame Theaterprojekte; von der Literatur war bereits eingangs die Rede. In diesem Zusammenhang erscheint auch der Erwähnung wert, daß der Wladimirer Maler Pjotr Dik Mitglied des Erlanger Kunstvereins ist. Das Staatliche Tanz und Gesangsensemble “Rus” hat über die Städtepartnerschaft eine Konzertagentur gefunden, die seit 1991 im November/Dezember eine Weihnachtstournee und seit der Spielzeit 1999/2000 auch eine Karnevalsgastspielreise durch ganz Mitteleuropa für die Truppe organisiert. Ähnliches gilt für den Männerchor “Wladimirskije Pewtschije”. Zwei Chöre aus Wladimir ließen in Erlangen CDs produzieren, die hier wie dort viele Hörer gefunden haben. Anläßlich der 15JahrFeier erschien eine SammelCD mit verschiedenen Wladimirer Ensembles. Das FolkloreEnsemble “Ihna” von Eike Haenel unterhält schon seit den 80er Jahren mit der Gruppe “Wladimirez” eine dauerhafte Partnerschaft. Der Gemeinnützige Verein hat 1999 eine Aktion zur Unterstützung des Wladimirer Symphonieorchesters mit Instrumenten gestartet. Und und und...
Sport: Die mehrfachen Weltmeister und Olympiasieger aus der Wladimirer Turnerschmiede ließen vor allem Mitte der 80er Jahre die Herzen der Erlanger Sportbegeisterten höher schlagen, als erstmals auf Einladung von Stadtrat Harald Krebs, SPD, die Stars nach Erlangen kamen. Doch Fundament der Kontakte ist der Breitensport mit den Schwerpunkten Fußball, Schwimmen, Leichtathletik, Judo, Tischtennis und Schach. Die sportlichen Begegnungen sind aus den Bürgerfesten und Jubiläumsveranstaltungen nicht wegzudenken.
Bildung: Seit Ende der 80er Jahre findet ein reger Austausch zwischen Schulen statt, der seinen vorläufigen Höhepunkt mit einer “DeutschOlympiade” im Frühjahr 98 fand, deren drei Sieger, ermittelt durch eine gemischte Kommission unter Leitung von Stadtschulrat a.D. Rudolf Schloßbauer (er führt ehrenamtlich auch regelmäßig Fortbildungsmaßnahmen für Wladimrer Deutschlehrer durch), vom RotaryClub für einen Monat nach Erlangen eingeladen wurden. Die Wladimirer Kinderzeitung “BubbleGum” berichtet regelmäßig in deutscher Sprache über die Kontakte. Zwei Jahre lang pflegte auch ein Nürnberger Gymnasium Austausch mit Klassen aus Wladimir. Im Frühjahr 2000 wurden Verbindungen zwischen dem Angergymnasium Jena und einer Wladimirer Mittelschule aufgenommen; Säulen des Austausches sind aber in Erlangen das Städtische MarieThereseGymnasium, das EmmyNoetherGymnasium und das Fridericianum.
Entscheidende Impulse vor allem für das Studium der russischen Sprache gibt das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, das seit zwölf Jahren mit der Pädagogischen Universität Wladimir einen vertraglich festgelegten Studenten und Dozentenaustausch praktiziert und u.a. auch gemeinsame Konferenzen zu didaktischen Themen veranstaltet.
Im Rahmen der mannigfachen Verbindungen zwischen der FriedrichAlexanderUniversität ErlangenNürnberg und der Pädagogischen sowie Polytechnischen Universität Wladimir wurden wissenschaftliche Arbeiten geschrieben und Symposien durchgeführt. Besonders fruchtbar sind die Kontakte in den Bereichen Literatur und Sprachwissenschaften, Medizin, Werkstoffwissenschaft und Laserforschung. Das Sprachenzentrum Erlangen hat den Wladimirer Kollegen ein komplettes Sprachlabor unentgeltlich zur Verfügung gestellt und installiert. Aus Sponsorenmitteln ermöglicht die Stadt Erlangen alljährlich drei Wladimirer Germanistikstudenten die Teilnahme am Internationalen Ferienkurs der FAU; viele Studenten aus der Partnerstadt machen in Erlangen ein Freisemester oder ein Praktikum. Eine gemeinsame öffentliche Konferenz zum Thema “NatoOsterweiterung” im Herbst 1997 unter Beteiligung der beiden Rektoren Prof. Dr. Gotthard Jasper und Prof. Dr. Dmitrij Makejew sowie Prof. Dr. Michael Stürmer und Prof. Dr. Percy Gurwitz gehört zu den Sternstunden der Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen. Die Pädagogische Universität Wladimir hat Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg, den Initiator und Mentor der Partnerschaft sowie den Direktor der VHS Erlangen, Dr. Klaus Wrobel (er leitete die erste Bürgerreise 1982 nach Wladimir, rief bereits 1983 den “Arbeitskreis Wladimir” ins Leben, initiierte Anfang der 90er Jahre eine Kooperation mit der Pädagogischen Universität und stellte für das ErlangenHaus die Verbindung zum GoetheInstitut in Moskau her), für ihre Verdienste um die Entwicklung und Förderung der Partnerschaft die Ehrendoktorwürde verliehen.
Für das laufende Jahr plant das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen eine Kontaktaufnahme mit Wladimirer Forschern.
Kirchen: Mit Unterstützung der Erlanger katholischen Gemeinden St. Sebald, Heilig Kreuz und St. Kunigund, aber auch dem Karmelitenorden aus Bamberg wurde die versprengte Wladimirer katholische Gemeinde wieder zusammengeführt und registriert. 1991 begann der schwierige Weg der Rückgabe und der gemeinsame Wiederaufbau der Rosenkranzkirche und des Pfarrhauses aus Mitteln von “Renovabis” und “Kirche in Not”. Heute ist die Gemeinde unter P. Stefano Caprio aus Mailand quicklebendig, und die Kirche stellt sich als geistliches, caritatives und kulturelles Zentrum dar. Ende Juli/Anfang August werden vierzig Pilger nach Erlangen und Bamberg kommen. Aber auch die freikirchlichen Gemeinden Erlangens, vor allem die Baptisten, haben viel Aufbauarbeit – bis hin zu einem neuen Gotteshaus – geleistet. All diese Gemeinden sind darüber hinaus auch im sozialen Bereich stark engagiert. Die Kontakte zur russ.orth. Kirche beschränken sich auf die protokollarische Ebene.
Kriegsveteranen: Die Städtepartnerschaft hätte ihr Ziel verfehlt, wenn es nicht auch und gerade gelungen wäre, die Aussöhnung zwischen den ehemaligen Feinden ins Werk zu setzen. Zum 50. Jahrestags des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion hat Jakow Moskwitin, der inzwischen verstorbene Vorsitzende des Wladimirer Veteranenverbandes, den entscheidenden Schritt getan und im Juni 1991 zehn Teilnehmer am “Unternehmen Barbarossa” unter Leitung von Stadtrat Heinrich Pickel, CSU, eingeladen. Hieraus entwickelten sich engste Beziehungen, die Ausdruck in vielfältigen Begegnungen, persönlichen Freundschaften, aber auch in der vielbeachteten Ausstellung “Deutsche Kriegsgefangene in Wladimirer Lagern”, konzipiert vom Zeitgeschichtler Witalij Gurinowitsch, und in einer Konzertreise des Wladimirer Veteranenchors nach Erlangen gipfelten. Nikolaj Schtschelkonogow, Nachfolger von Jakow Moskwitin, hat eine ErlangenHymne “Stadt an der Regnitz” gedichtet und vertont.
Jubiläen und Bürgerfeste: 1986 fanden in Wladimir, 1987 und 1991 in Erlangen Kultur und Sporttage mit je 100 aktiven Teilnehmern statt, die in beiden Städten einen großen Teil der öffentlichkeit erreichten. Unvergeßlicher Höhepunkt dieser Volksdiplomatie ist aber sicher das “Fränkische Fest” im September 1993, anläßlich des zehnjährigen Partnerschaftsjubiläums, zu dem 400 Erlanger (der damalige Wirtschaftsreferent und jetzige Oberbürgermeister Dr. Siegfried Balleis, CSU, sogar in einer Radstaffel) in die Partnerstadt kamen und mit ca. 30.000 Wladimirern ausgelassen feierten. Von der dort freigewordenen Energie und Begeisterung ist noch heute viel zu spüren. In Wladimir schwört man spätestens seit jenem Fest, das übrigens auch Eingang in das Russischlehrbuch “Okno” fand, auf “KitzmannBier” und fränkische Bratwürste (seither von einem Wladimirer Betrieb – aufgebaut mit logistischer Hilfe der Metzgerei Wersal aus Hemhofen, Evenord auf Betreiben des Tiefbauamts Erlangen aus eigener Produktion erfolgreich vermarktet) und hofft, daß auch das “Figurentheater Mechelwind” noch einmal sein Feuerwerk in der Stadt an der Kljasma abbrennt. 1995 nahmen ca. 100 Erlanger eine Einladung zur Tausendjahrfeier der Stadt Wladimir an, und im Herbst 1997 veranstaltete Erlangen in Wladimir die “Deutsche Woche” mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Kultur und Universität. Im Juli 1998 folgte dann die aus Sponsorenmitteln finanzierte 15JahrFeier der Städtepartnerschaft in Erlangen mit ca. 160 Gästen aus Wladimir. Hier gelang es, die gesamte Palette der Kontakte in allen denkbaren Bereichen von A wie Ausstellungen bis Z wie Zahnmedizin vor Augen zu führen und zu intensivieren. Ende Mai 2000 ist wiederum Wladimir Gastgeber für etwa 180 Besucher aus Erlangen, die unter dem Motto “Gemeinsam ins Neue Jahrtausend” mit ihren Partnern und Freunden ein Stadtfest feiern. All diesen Festen ist gemein, daß sie den Gedanken der Bürgerpartnerschaft erlebbar machen und eine Vielzahl von persönlichen und fachlichen Kontakten anstoßen.
Medien: Ausgesprochen förderlich für die Partnerschaft war und ist die Unterstützung durch die Medien in beiden Städten. Bereits mit der allerersten offiziellen Erlanger Delegation reiste 1982 der Journalist Peter Millian von den “Erlanger Nachrichten” nach Wladimir. Seine Berichterstattung bereitete den Boden für eine breite Akzeptanz der geplanten Partnerschaft. Seither bleibt hier wie dort kaum ein Besuch oder Ereignis im Rahmen der Partnerschaft in den Medien unerwähnt. Besonders die humanitären Hilfsaktionen wären ohne die wohlwollende Begleitung durch die Medien nicht denkbar. Gemeinsam mit dem “DeutschRussischen Austausch”, aber auch über andere Verbindungen wurden Hospitationen für Journalisten vermittelt. Sehr aufgeschlossen sind neben den Wladimirer Zeitungen für die Partnerschaft auch Rundfunk und Fernsehen. Das Staatliche Wladimirer Lokalfernsehen hat in Erlangen bereits vier umfangreiche Dokumentationen und Reportagen gedreht, die auf großes Interesse in der Partnerstadt gestoßen sind. Franken Funk und Fernsehen, der lokale Privatsender berichtet immer wieder über Wladimir und sponsert Kulturveranstaltungen mit Wladimirer Musikern, und der Bayerische Rundfunk war bereits zweimal in Zusammenhang mit der Städtepartnerschaft zu Dreharbeiten in Wladimir.
Strukturhilfe: Unter diesem Motto hat Erlangen 1990 eine breit angelegte “Hilfe zur Selbsthilfe” ins Leben gerufen. Seinen Anfang hat alles mit einem Verwaltungsseminar genommen, das Fachleute aus dem Erlanger Rathaus für ihre Kollegen in Wladimir veranstaltet haben und das im Jahr darauf seine Fortsetzung in Erlangen und Jena (die Städtepartnerschaft Erlangen–Jena hat hier große SynergieEffekte gezeitigt) fand. Dieses Seminar wurde zum Katalysator für einen engen Fachaustausch in den Bereichen Zentrale Verwaltung, Haushaltswesen, Umweltschutz, Jugend und Soziales, Behindertenarbeit und zentrale Datenverarbeitung.
1991 wandte sich Wladimir mit der Bitte an Erlangen, im Bereich der Fernwärmeversorung zu helfen. Wegen zu niedrigen Drucks und hoher Verluste im Netz konnte ein sogenannter Mikrorayon nur unzureichend mit Wärme versorgt werden. Mit Hilfe der Siemens AG, der Erlanger Stadtwerke AG und dem Technischen Hilfswerk gelang es binnen weniger Wochen, zwei Heizkessel nach Wladimir zu transportieren und dort zu montieren. Das “Kesselhaus Erlangen”, versorgt seither ca. 1.500 Wohnungen, eine Schule und einen Kindergarten zuverlässig mit ausreichend Wärme. Betreut und auf eigene Beine gestellt hat das Projekt die Erlanger Stadtwerke AG, vertreten durch Vorstand Rolf Wurzschmitt und Heizkraftwerksdirektor Abram Dyck (seit Januar 2000 in Ruhestand, ehrenamtlich aber weiter für die Fachkontakte der Stadtwerke zu Wladimir zuständig).
Um die Eigenversorgung mit Gemüse zu verbessern haben die Stadt Erlangen und ein Betrieb aus Kleinmachnow mit EUMitteln das “Gewächshaus Wladimir” soweit saniert, daß der Energieverbrauch um fast 50% gesenkt wurde.
Von besonderem Erfolg ist das Engagement des Erlanger Stadtentwässerungsbetriebs gekrönt. Was mit der Sanierung der Kanalisation begann, setzte sich fort mit der reibungslosen Inbetriebnahme einer in Erlangen demontierten und in Wladimir vollständig wieder aufgebauten Schlammentwässerungsanlage. Dank der Zusammenarbeit mit Erlangen dürfte das Wladimirer Klärwerk zu den besten rußlandweit gehören. Geplant sind aber mit Hilfe von EUMitteln und in der Verantwortung von Igor Filippow, Franz Kreutzer und Karl Sichler noch weitere technische Optimierungen der Abwasserbehandlung zum Schutz der Kljasma, die für einen breiten Einzugsbereich Trinkwasser liefert.
Aus dem Wladimirer Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind die Nahverkehrsbusse, mittlerweile 18 an der Zahl, die der Vorstandsvorsitzende der Erlanger Stadtwerke AG Rolf Wurzschmitt zwar mit einem Partnerschaftsrabatt, aber wohlweislich nicht gratis abgegeben hat. Die materielle und ideelle Selbstbeteiligung Wladimirs an all den genannten Projekten erhöht deren Wert um ein Vielfaches! Nur so kann Partnerschaft gelebt und das von Oberbürgermeister Igor Schamow wenig geschätzte “Spiel auf ein Tor” vermieden werden.
Das ErlangenHaus ist in gut zweijähriger Renovierungszeit als zentrales gemeinsames Projekt der Städtepartnerschaft entstanden. Mit der Sanierung des gegen Ende des 19. Jhds. gebauten ehemaligen Kaufmannshauses, von dessen architektonischem Typ es in ganz Wladimir nur noch vier Exemplare gibt, wollten beide Städte nicht nur ein Beispiel für gelungene Erhaltung historischer Bausubstanz geben, sondern auch der Partnerschaft neue Entwicklungsmöglichkeiten und ein Dach für die Wirtschaftsförderung bieten. Träger des ErlangenHauses ist eine Stiftung nach russischem Recht, gegründet und paritätisch besetzt von Vertretern beider Städte. Zweck der Einrichtung ist die Förderung von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontakten. Stiftungsgewinne werden Partnerschaftsprojekten und humanitären Zielen zugeführt. Die kostspielige und arbeitsaufwendige Sanierung wurde nur möglich durch eine Bausteinaktion, großzügige Sach und Geldspenden aus Erlangen, die oft ehrenamtlichen Einsätze der deutschen Monteure, vor allem aber das persönliche Engagement der Bauleitung Kira Limonowa und Helmut Eichler und der damaligen Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Wladimir, Tatjana Garischina. Wladimir hat seinen Anteil vor allem durch die Verlegung bzw. Erneuerung der gesamten Anschlüsse für das Haus erbracht, und auf dem Umweg über eine Tombola (die fünf Hauptgewinner erhielten mit Partner eine Einladung für eine Woche zur Bergkirchweih; daneben gab es viele Sachpreise) konnte sich auch die Bevölkerung selbst beteiligen. Das ErlangenHaus wurde im Mai 1995 eröffnet und ist mittlerweile zum Kristallisationspunkt der Partnerschaft geworden, wo der Partnerschaftsverein WladimirErlangen regelmäßig Veranstaltungen organisiert, Ausstellungen und Präsentationen stattfinden und die Wladimirer Informationen über Deutschland erhalten können. In den Büroräumen haben sich ein deutschrussischer JointVenture und zwei Wladimirer Firmen eingemietet, und der Gästetrakt mit vier Doppelzimmern und einer kleinen Wohnung steht Besuchern aus aller Welt offen. Von besonderer Bedeutung sind die DeutschKurse, fachlich betreut von Reinhard Beer, VHS Erlangen, und dem GoetheInstitut Moskau auf ein Niveau gebracht wurden, das nun schon den vierten Jahrgang mit je ca. zehn Absolventen erfolgreich die renommierte Grundstufenprüfung des GoetheInstituts ablegen läßt. Wegen der Qualität seines Unterrichts genießt das ErlangenHaus seit April 2000 den Status eines Sprachlehrzentrums des GoetheInstituts. Otto von der Gablentz, der damalige deutsche Botschafter, trug sich bei der Eröffnung mit folgenden Worten ins Gästebuch ein: “... Was Erlangen hier zwischen den Menschen in Wladimir und in Erlangen schafft, wird unsere Zukunft in Europa mitgestalten.” Gouverneur Nikolaj Winogradow nannte das Haus ein “Symbol der Freundschaft”, eine Wladimirer Zeitung titelte “Außen russisch – innen deutsch”, und der Besucher aus Deutschland erkennt hier schlicht ein Stück Heimat wieder. Seit 1998 arbeitet das ErlangenHaus intensiv mit dem “Zentrum für Demokratie und Parlamentarismus” zusammen, das von der KörberStiftung gefördert wird und – wo möglich – in Koordination mit Erlangen Veranstaltungen zu Themen anbietet, die sich an die junge Generation wenden. Die Hausverwaltung spricht übrigens Deutsch! Eine Broschüre gibt nähere Auskunft über die Dienstleistungen des ErlangenHauses, dessen erste Entwürfe vom seinerzeitigen Stadtrat Claus Uhl, F.D.P., und den Stadtarchitekten Johannes Tuczek und Schwandner 1992 aufs Reißbrett gebracht wurden.
Wirtschaft: Seit 1989 bemühen sich auf Inititative von Dr. Siegfried Balleis beide Seiten intensiv um die Förderung der Wirtschaftskontakte. Bei allen bekannten Schwierigkeiten ist es dennoch gelungen, eine Reihe von erfolgreichen Kooperationen in folgenden Bereichen zustande zu bringen:
- 1990: Transmoroz – eine Spedition, die mittlerweile international, längst nicht mehr nur zwischen Bayern und der Region Wladimir, tätig ist und vor Ort ein Dutzend Arbeitsplätze geschaffen hat; ·
- 1991: Akademie für Wirtschaftspraxis Wladimir – Bayern, ins Leben gerufen in Zusammenarbeit mit dem “OstWestZentrum für Managementtraining” in München und seit sechs Jahren gemeinsam getragen von drei Firmen aus dem mittelfränkischen Raum, der Pädagogischen Universität Wladimir und einem Betrieb aus der Region Wladimir mit den Arbeitsschwerpunkten Fortbildungsseminare und Beratung bei Geschäftsanbahnungen (fünf Mitarbeiter);
- 1992: Eröffnung eines Optikgeschäfts und Bezug von Rohmaterialien zur Herstellung von Brillengestellen vom Wladimirer Chemiewerk;
- 1993: WladimirLes, Aufnahme der Produktion von Bierzeltgarnituren, Kompostern, Stellagen u.ä. in Wladimirer holzverarbeitenden Betrieben für Erlanger Konstrukteur;
- 1994: Unterstützung für Aufbau einer privaten Bäckerei in Wladimir (in Zusammenarbeit mit der Organisation “Handwerker am Europäischen Haus” aus Jena);
- 1997: Einrichtung einer Großmetzgerei in Wladimir; Gründung der “Exportinitiative Mittelfranken”; ·
- 1998: Einrichtung eines Verteilerzentrums für gebrauchte Reisebusse mit Ersatzteillager; Kooperation mit dem Institut für Finanzen und Management; Konstituierung der Wladimirer Wirtschaftsjunioren auf Initiative aus Erlangen; ·
- 1999: Ausweitung der im Vorjahr aufgenommenen IHKKontakte;
- 2000: Planungen für die Einrichtung einer Insulinproduktionslinie mit Unterstützung einer Nürnberger Firma.
Dazwischen liegt eine Vielzahl von gemeinsamen Wirtschaftstagungen und Verkaufsabschlüssen vor allem in den Bereichen PKW, Textilien, Lebensmittel und Industriequarze. Ungezählt bleiben die Praktika für Handwerker, Wirtschaftsvertreter und Gastronomen. Erfreulich, daß ungeachtet der Finanz und Staatskrise – vor allem von 1998 bis Ende 1999 die o.g. Kooperationen weiterbestehen und neue in Planung sind – insbesondere im Bereich Fremdenverkehr und Müllentsorgung.
Von 1990 bis 1993 hat Erlangen auf Bitten der Partner massive humanitäre Hilfe geleistet. Bundesweit war Erlangen eine der ersten Kommunen, die LKWKonvois mit Lebensmitteln, medizinischem Gerät, Medikamenten und Kleidung auf den Weg gebracht hat. Die Aktion “Hilfe für Wladimir” wurde vom deutschen Außenministerium als modellhaft eingestuft und hat vielen ähnlichen Maßnahmen anderer Städte nützliche Hinweise geben können. Einige Kommunen, vor allem die Bezirkshauptstadt Ansbach, und sogar Wladimirs amerikanische Partnerstadt BloomingtonNormal schlossen sich der Aktion an. Binnen drei Jahren konnten unter Federführung des Bayerischen Roten Kreuzes Hilfsgüter im Wert von ca. 3 Mio. DM nach Wladimir gebracht werden, die spürbare Erleichterung verschafften. Parallel dazu begann ein intensiver Medizineraustausch, der sich bis heute fortsetzt:
Die Kindernotfallklinik Wladimir erhielt ein neues Labor, eine Wasseraufbereitungsanlage, Röntgengeräte und vieles mehr, womit man u.a. bewirkte, daß die lokalen Behörden erst richtig aufmerksam wurden auf die Nöte des Krankenhauses. Entscheidend war die erfolgreiche Einführung der Bauchfelldialyse aus Erlangen, die mit verhältnismäßig einfachen Mitteln zu vergleichsweise niedrigen Kosten schon Dutzenden von Kindern das Leben gerettet hat. Die Zusammenarbeit mit der Klinik wird koordiniert von Prof. Dr. Dieter Wenzel, einem Pionier der Medizinkontakte. Seit fünf Jahren organisiert der Personalrat der Stadt Erlangen eine freiwillige “Restpfennigaktion”, bei der am Monatsende alles rechts vom Komma auf dem Gehaltsstreifen auf ein Sonderkonto fließt. Der jährliche Betrag von ca. DM 10.000, geht an das Krankenhaus, das damit u.a. die notwendigen Reagenzien für das Labor kauft. Regelmäßige finanzielle Unterstützung erfährt die Klinik auf Inititative von Herbert Hummich auch seitens der evangelischreformierten Gemeinde Erlangen.
Das Orthopädische Zentrum in Jurjewez bei Wladimir profitierte ebenfalls nicht nur durch zahlreiche materielle Hilfen, sondern einen fruchtbaren Fachaustausch mit dem Erlanger Waldkrankenhaus und dem Orthopäden Dr. Horst Hirschfelder. Inzwischen werden sogar gemeinsame wissenschaftliche Symposien organisiert. Lange hat man den Besuch von Prof. Dr. Hohmann, des ehemaligen Chefarztes des Waldkrankenhauses herbeigesehnt. Er wird nun im Mai 2000 Vorträge halten und gemeinsam mit seinen russischen Kollegen schwierige Operationen an ausgewählten Patienten durchführen.
Gewünschter Nebeneffekt der Aktion war und ist die Stärkung von Selbsthilfegruppen (kinderreiche Familien, TschernobylOpfer, Behinderte). Nicht nur materiell, sondern vor allem organisatorisch und im Bereich der öffentlichkeitsarbeit haben diese viel dazugewonnen.
Von 1993 bis 1997 konnte die materielle Hilfe weitgehend eingestellt werden, gleichzeitig erfuhren allerdings die medizinischen Fachkontakte eine gewaltige Intensivierung (Dermatologie, Venerologie, Stomatologie, Gynäkologie, HNO, Orthopädie, Pädiatrie, Kardiologie, Kinderpsychiatrie, Allgemeinmedizin) und werden vor dem Hintergrund der Entwicklung Erlangens zur Bundeshauptstadt für Medizin weiter eine herausragende Rolle spielen. Weitere Schwerpunkte in der medizinischen Kooperation sind angestrebt in den Bereichen Psychiatrie (der Besuch des Leiters des Klinikums am Europakanal, Prof. Dr. Holger Schneider, im Mai 2000 wird mit großer Spannung erwartet) und Bauchfelldialyse für Erwachsene nach dem erfolgreichen Modell des Kindernotfallkrankenhauses. Verstärkt haben sich auch die 1990 aufgenommenen Verbindungen zwischen dem BRK, Kreisverband ErlangenHöchstadt, und dem Wladimirer Ortsverband des Russischen Roten Kreuzes. 1996 gründete sich in Erlangen die Initiative “Kinderhilfe Wladimir”, die vor allem die Organisation “Semja” (Familie) unterstützt. Seit 1997 unterstützt der Freundeskreis von Ruth Sych das Alten und Pflegeheim Wladimir. 1998 nahmen der Kinderschutzbund Erlangen und der Wladimirer Kinderfonds Verbindung auf, deren eindrucksvollstes Ergebnis in einer vom Kinderschutzbund vermittelte Spende der SiemensAudiologie von zehn Hörgeräten für bedürftige Kinder besteht. Seit 1999 hat etwa ein Dutzend Erlanger Familien Patenschaften für Wladimirer Familien übernommen.
Ende 1997 wandte sich das Wladimirer Rote Kreuz an die Erlanger Kollegen mit der Bitte, für besonders notleidende Personen und Familien humanitäre Hilfe zu leisten. Und bereits zum orthodoxen Weihnachtsfest Anfang Januar 1998 lief eine bis dahin beispiellose Aktion an, die in vielem den Charakter eines Experiments trug: Nach Absprache mit dem Wladimirer Roten Kreuz in Person von Larisa Rjabowa und Dr. Leonid Kowenskij wurden im Großhandel vor Ort für ca. DM 35.000,, sprich die Spendengelder aus Erlangen, Lebensmittelrationen geordert und bereits gepackt. Abgestimmt mit allen Wohlfahrtverbänden Wladimirs konnte die Verteilung über sechs Ausgabestellen und einen Zulieferdienst für bettlägerige Bedürftige innerhalb von zwei Tagen abgewickelt werden. Dieser Ansatz erwies sich als wegweisend aus einer Reihe von Gründen: Unterstützung des russischen Handels und Nahrungsmittelgewerbes als kleines Gegengewicht zu der Importflut; hoher Identifizierungsgrad mit der Hilfe für die vor Ort beteiligten Organisationen; Wegfall von Transportkosten und Zollformalitäten; Vereinfachung der Logistik für die deutschen Helfer; Hilfe zur Selbsthilfe im Geiste der Partnerschaft.
Die hervorragende Vorbereitung und Durchführung der Aktion, von der sich auch der Augenzeuge Bayerischer Rundfunk sowie die lokalen Wladimirer Medien begeistern ließen, brachte dem Wladimirer Roten Kreuz hier wie dort einen gewaltigen Anerkennungsschub. Und so wurde anläßlich der 15JahrFeier der Städtepartnerschaft der “Verein zur Förderung des Wladimirer Roten Kreuzes” mit Robert Niersberger, einem großzügigen Mäzen der Partnerschaft, und Reinhard Mehn an der Spitze aus der Taufe gehoben, dessen vorrangiges Ziel es ist, die ambulante Pflege wiederzubeleben, die wegen fehlender Mittel in Wladimir zwischenzeitlich hatte eingestellt werden müssen.
Als im September 1998 Oberbürgermeister Igor Schamow seinen Amtskollegen Dr. Siegfried Balleis offiziell darum bat, die humanitäre Hilfe vor dem Hintergrund der Krise wieder aufzunehmen, schmiedeten Stadt und BRK binnen weniger Tage ein breites “Bündnis der Hilfe”, zu dessen Gelingen sämtliche Wohlfahrtsverbände, das Industrie und Handelsgremium, die Handwerkskammern, die Gewerkschaften, die Kirchen, die “Kinderhilfe Wladimir” und verschiedene Vereine beitrugen. Schon Mitte Oktober reisten Brüne Soltau, Vorsitzender des BRK ErlangenHöchstadt, Jürgen Üblacker, Direktor des Kreisverbandes, und Peter Steger, Städtepartnerschaftsbeauftragter, nach Wladimir und fanden eine weitaus dramatischere Situation vor, als alles, was zu Beginn der 90er anzutreffen war. Ermutigend war dabei nur, daß sich wiederum Ansbach und viele Umlandgemeinden bis hin zu Altdorf an der Aktion beteiligten, sowie der Umstand, daß man auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen konnte. Die Spendengelder – bis Mai 1999 ca. 500.000 Mark wurden in fünf Einzelaktionen unmittelbar vor Ort gemeinsam mit den Partnern zum Ankauf und zur Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten eingesetzt. Damit war garantiert, daß ohne jeden Schwund geholfen und die schwer angeschlagene Wladimirer Wirtschaft mehr als nur symbolisch unterstützt werden konnte. Eine traurige Ausnahme bildete Babynahrung. Deshalb wurden ca. 16t Folgemilchpulver und Kleinkindernahrung der Firma Hipp Anfang Dezember 1998 per LKW nach Wladimir gebracht. Dem RotaryClub Erlangen gelang es, aus einem internationalen Programm DM 30.000, bewilligt zu bekommen, die der Kinderpsychiatrie zur Verfügung stehen, und die Behindertenwerkstätten Kremsdorf bieten eine langfristige Fortbildungsmaßnahme für diesen in Rußland traditionell vernachläßigten Bereich an.
Neben der laufenden Hilfsaktion ist es gelungen, mit Fördermitteln des Deutschen Roten Kreuzes in Höhe von ca. DM 35.000, die Räume eines RotKreuzZentrums zu renovieren, das im Herbst 1999 eröffnet wurde. Hier soll die Unterstützung des “Vereins zur Förderung des Wladimirer Roten Kreuzes” greifen und helfen, den mobilen Pflegedienst mit bis zu einem Dutzend Krankenschwestern wiederzubeleben.
All diese Anstrengungen blieben auch international nicht ohne Wirkung. So wurde im April 2000 das Gouvernement Wladimir als eine von fünf Regionen in Rußland für ein Pilotprojekt des Internationalen Roten Kreuzes ausgewählt, wo für zunächst drei Jahre mit einem Betrag von je DM 100.000, Maßnahmen zur Bekämpfung der TBC ergriffen werden sollen. Koordinationszentrale für das Programm wird das BRK ErlangenHöchstadt. Bei erfolgreicher Durchführung werden die Mittel auch für andere medizinische Projekte aufgestockt.
Zusammenfassung
Was ist notwendig für eine derartige Partnerschaft? Der politische Wille auf beiden Seiten und die Einbeziehung breitester Kreise der Bevölkerung, Engagement seitens der Wirtschaft, der Medien, der Schulen, der Vereine und Universitäten sowie ein Ansprechpartner und Koordinator, der möglichst unmittelbar beim Stadtoberhaupt angesiedelt sein sollte. Und schließlich eine finanzielle Mindestausstattung, die auch noch so großzügige Sponsoren nicht abdecken können, sowie die aktive (auch finanzielle) Beteiligung der verschiedenen städtischen Ämter. Ein besonderer Glücksfall in der Partnerschaft Erlangen – Wladimir ist sicherlich die personelle Kontinuität: Der Begründer der Partnerschaft, Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg, SPD, (dessen wohl größtest Verdienst bleiben wird, ein einstimmiges Votum im Stadtrat für die Kontakte herbeigeführt zu haben) fand von Beginn an ein vertrauensvolles Verhältnis zu Michail Swonarjow, dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees, und seinen Stellvertretern Jurij Fjodorow und Wladimir Kusin, an den später die Amtsgeschäfte gingen. Ohne diese persönliche Basis, für die bis heute auch Jurij Fjodorow, seinerzeit der erste Kundschafter aus Wladimir in Erlangen, heute als Staatssekretär viel tut, hätte die Kontaktaufnahme nicht stattfinden können. 1990 einigte sich der erste freigewählte Wladimirer Stadtrat auf Igor Schamow, einen parteilosen promovierten Chemiker, als Oberbürgermeister, der mittlerweile zweimal als Sieger aus allgemeinen Wahlen hervorging und bis zum Jahr 2002 im Amt bestätigt wurde. Als sich 1996 Dr. Hahlweg nicht mehr zur Wahl stellte und Dr. Balleis, seine Nachfolge antrat, standen sich in den Partnerstädten zwei Politiker gegenüber, die einander seit Jahren kannten und schätzten. Altoberbürgermeister Dr. Hahlweg übernahm ehrenamtlich die Betreuung der Städtepartnerschaften, und Dr. Rudolf Schwarzenbach, Referent für Zentrale Verwaltung, der bereits als Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat Geist und Buchstaben der Partnerschaftsvereinbarungen geprägt hatte und als „Ziehvater“ des ErlangenHauses gelten kann, zeichnete bis zu seiner Pensionierung im März 2000 für die notwendige Verankerung und Absicherung der Partnerschaft innerhalb der Verwaltung verantwortlich und will sich wie Dr. Hahlweg auch im Ruhestand der Verbindung mit Wladimir annehmen. Nur vor diesem Hintergrund, wenn also die Partnerschaft Chefsache und in der Bürgerschaft verankert ist, wird es überhaupt erst möglich, daß alljährlich zwischen 70 und 90 offizielle Austauschprogramme, Veranstaltungen und Begegnungen zwischen beiden Städten mit je ca. 150 Teilnehmern (die großen Bürgerreisen gar nicht mitgezählt) stattfinden.
1998 haben Rothenburg o.d.T. und Susdal, keine 30 km von Wladimir gelegen, ihr zehnjähriges Partnerschaftsjubiläum gefeiert und sich dessen erinnert, daß die Anregung zu einer Kontaktaufnahme aus Erlangen kam. Und wenn vielleicht demnächst auch Nördlingen und JurjewPolskij aus dem Gouvernement Wladimir die privat geknüpften Verbindungen in den Rang einer offiziellen Städtepartnerschaft erheben sollten, will Erlangen eine gewisse Mitverantwortung nicht abstreiten.
In beiden Ländern klagen die Kommunen über enger werdende finanzielle Spielräume. Doch keine Stadt in Deutschland sollte sich scheuen, wenigstens einen Bruchteil ihrer Ausgaben – mehr war es auch in den “fetten” Jahren nie – in diese einzigartige Form der Völkerverständigung zu stecken. Wenn wir wollen, daß Rußland weiter den Weg von Demokratie und Marktwirtschaft geht, müssen die Kommunen den notwendigen Unterbau liefern und ein Koordinatensystem aufbauen, aus dem es kein Zurück mehr in Konfrontation und Isolation gibt.
Zum Abschluß sei ein Wort des herzlichen Danks an die vielen Sponsoren aus der Wirtschaft gesagt, die manch eine Begegnung und Veranstaltung oder etwa das Projekt “ErlangenHaus” überhaupt erst ermöglicht haben. Ein besonderer Dank geht an die ungezählten Menschen, die all die humanitären Projekte mit ihren Spenden unterstützen und an die vielen aus Platzgründen ungenannt gebliebenen Ärzte und Krankenschwestern, die ihr Wissen bereitwillig mit ihren Wladimirer Kollegen teilen. Und schließlich stünde ohne die unbürokratische Amtshilfe des Russischen Generalkonsulats in München und der Konsularabteilung der Deutschen Botschaft in Moskau die Partnerschaft nur auf dem Papier. Spasibo und danke dafür!